Die anthroposophische Weltanschauung
Der Kroate Rudolf Steiner gründete die philosophische Betrachtungsweise der Anthroposophie im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert. Seine Herausgeberschaft von Goethes naturwissenschaftlichen Aufsätzen führten ihn in das Weimarer Archiv. Dort arbeitete er als Goetheforscher und bald entstanden erste Schriften, die sein Weltbild zusammenfassten.
Über die Anthropologie hinaus
Steiner verstand die wissenschaftliche Disziplin der Anthropologie als eine vor allem den Sinneswahrnehmungen des Menschen verhaftete Weltanschauung. Mit seiner Namensschöpfung wollte er durch die Bezeichnung ” -sophie”, abgeleitet aus dem griechischen von sophía, die Weisheit, die Erweiterung auf die sinnlich nicht erfassbaren Lebensgrundsätze erreichen. Seine Forschungsgebiete konzentrierten sich besonders auf die geistige, ungegenständliche Welt. Er bezog sowohl überlieferte mystische Elemente aus dem Christentum ein, als auch die fernöstlichen Lehren über Wiedergeburt, der Reinkarnation, bis hin zum Modell des “seelischen” Schicksals, dem Karma. Folgernd aus diesem Weltbild definierte er den anthroposophischen Lebensweg als eine immerwährende “Suche” einer dreigegliederten Seele nach nicht sicht- oder erfühlbaren Bewusstseinszuständen. Dabei ist das irdische Leben eine Etappe des menschlichen Bewusstseins und stellt einen Teilaspekt des unvergänglichen Wesenskerns dar. Diese Reinkarnationslehre versteht das Geborenwerden und Sterben als Veränderung des äußeren “anthropologischen” Zustands und nähert sich den hinduistischen und buddhistischen Glaubensgrundsätzen stark an. Entscheidender Unterschied ist die Konzentration auf den weiter zu entwickelnden Wesenskern ohne das Ziel, ihn durch Erleuchtung aufzulösen.
Lebensmodell in vielen Bereichen
Die Anthroposophie als Lehre über das grundsätzliche Verständnis des menschlichen Lebens umfasst dementsprechend viele prägende Lebensbereiche. Der Populärste ist die schulische und universitäre Bildung im Sinne Steiners, der durch die weltweit verbreitete Waldorf-Pädagogik repräsentiert wird. Ein anderer wesentlicher Punkt ist die anthroposophisch orientierte Medizin, die auf körperlicher Ebene, dem “physischen Leib”, die konventionelle Wissenschaftsmedizin einschließt. Darüber hinaus definiert sie die Ebenen “ätherischer Leib” und “astralischer Leib”, die in der anthroposophischen Medizin gleichberechtigt Behandlung erfahren. Weitere Lebensfelder, die nach den Lehren Steiners organisiert werden, sind die Landwirtschaft mit einem biologisch-dynamischen Ansatz und das Geldwesen mit so genannten Gemeinschaftsbanken, die Teile der genossenschaftlichen Idee von Geldverwaltung integrieren. Bezüglich des sozialen Lebens und der Religion existieren ebenfalls Schriften zu anthroposophischen Lösungsansätzen und Organisationsstrukturen. Eine Besonderheit ist die Lehre von der Bewegungskunst, der Eurythmie, die vielerorts als autarke körperliche und geistige Ertüchtigung wahrgenommen wird und oft gar nicht als Teil der Anthroposophie erkannt wird.
Umfassende Philosophie des Lebens
Rudolf Steiners Grundlagenwerk umfasst 42 Schriftbände mit über fünftausend Vorträgen, die die anthroposophischen Ideen beschreiben. Der Leitfaden wird durch unzählige Mitschriften von Steiners Vorträgen im zwanzigsten Jahrhundert ergänzt. Er selbst verstand sein Leben als beständigen Prozess der Weiterentwicklung, der zwangsläufig zur Folge hat, dass frühe Schriften und Gedanken jüngeren widersprechen können. Das grundlegende Modell der erweiterten Bewusstseinsebene, die mit den Sinnen nicht erfassbar ist, bleibt durchgängig strukturelles Element. Von der artverwandten Theosophie wandte Steiner sich in späteren Jahren ab und trennte die anthroposophische Lehre deutlich von der der Theosophen. Steiner sah sich mehr auf der erkenntnistheoretischen Seite der Philosophie und hatte großen Anteil daran, die naturwissenschaftlichen Gedanken des als Dichter bekannten Goethe bekannt zu machen.
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